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»Wenn die Abendröte zerstäubt zu Pulver…«

Portraits Bonner Künstler
GA-Gespräch mit dem Maler und Autor Horst Rave
von Dr. Petra Rapp-Neumann
Quelle: Bonner Stadtarchiv (141/150-[34]) – General-Anzeiger Bonn, 17.04.1989.

»Wenn die Abendröte zerstäubt zu Pulver, beginnt die Stunde des Papiers,« schrieb Horst Rave zu einer Collage von Willy M. Stucke, und bereits an solcherart geschliffenen Marginalien zu Bildern, eigenen und anderen, an ähnlich einfühlsamen Paraphrasen zu Kunstwerken wird offenbar, daß er mit dem Wort genausogut umzugehen weiß wie mit dem Pinsel. Für Horst Rave beginnt die schöpferische »Stunde des weißen Papiers« zweifellos nicht nur in der Abendröte. Den außerordentlichen Fleiß dieses Künstlers bezeugt eindrucksvoll die in mühevoller Arbeit sorgsam geordnete, gestapelte und vor der häufigen Heimsuchung durch das Hochwasser des Rheins unverdrossen abgeschottete, überwältigende Bilderfülle: »Ich hatte nie Motivationsschwierigkeiten.«

Bei aller Motivation geht Rave überlegt vor – er plant, ordnet, verwirft, baut auf, logisch, konsequent, stringent, didaktisch, überläßt nichts dem Zufall, hat klare Prämissen und erzielt ebenso klare Resultate. Lächeln oder gar lachen sieht man ihn selten. Er gibt sich distanziert und ein wenig spröde: »Aber so grimmig und finster, wie ich vielleicht manchmal erscheine, bin ich gar nicht. Ich muß einfach mal abschalten, und wenn ich nicht auf jeden mit offenen Armen zugehe, dann hat das mit meinem Selbsterhaltungstrieb zu tun und nichts mit Arroganz.« Er hält nichts davon, sich anzubiedern oder »einzucliquen«, wie er es nennt, hat verantwortliche Positionen im Vorstand von Künstlergruppen bis auf wenige Ausnahmen abgegeben, da sie ihn zuviel wertvolle Zeit kosteten, und läßt im übrigen die Dinge gerne auf sich zukommen. Wie alle klugen Köpfe sieht er in den Zeitläuften wenig Grund zum Lachen und ist von seinen Mitmenschen eher enttäuscht, als daß ihn eine Verbrüderung mit ihnen sonderlich reizen könnte. Und zweifellos ist Horst Rave ein kluger Kopf. Er ist kritisch, doch vor allem ist er selbstkritisch. Er spricht flüssig und doch in druckreifen Formulierungen. Er stellt hohe Anforderungen an die Kunst und überzeugt dadurch, daß er als erster bereit und in der Lage ist, sie zu erfüllen. Er wirkt kühl-rational und schafft doch Bilder von so berauschender, körperlich spürbarer und erfahrbarer Farbenpracht, daß seine Aussage ohne weiteres glaubhaft wird: »Ich habe keine Probleme, meine Emotionen umzusetzen.« Er malt nach eigenen Worten »gegen Reglosigkeit und Erstarrung, eingedenk aller Begrenztheit« – nicht zuletzt der eigenen Begrenztheit und Bedingtheit, der er sich weder entziehen kann noch will: »Reise – Flucht vor sich selbst in sich zurück.«

1941 in Berlin geboren und in Bayern aufgewachsen, begann Rave nach dem Abitur ein Biologiestudium, wechselte zur Kunstgeschichte und Sinologie, wobei er es bewußt vermied, den Abschluß für das Lehramt zu machen, »denn dann wäre ich doch in der Schule gelandet«. Das aber war, bei aller Liebe zum Didaktischen, nicht sein Ehrgeiz. Weit eher kam seinen Ambitionen entgegen ein Studium an der Hochschule für bildende Künste in Kassel bei Arnold Bode, der seinerzeit die Documenta gestaltete. Hier gehörte Rave, der von Anfang an konstruktivistisch arbeitete, in der Zeit des Hochtachismus (»Gelernt haben wir eigentlich nichts«) zu einer verschwindend kleinen »Insider«-Gruppe von konstruktivistisch-konkret malenden Künstlern und verstand sich zunächst in der Nachfolge des späten Kandinsky, gleichermaßen beeinflußt von den russischen und schweizerischen Konkreten wie vom Bauhaus: »Keiner kann mehr bei Null anfangen – wir alle haben viele große Vorgänger.«

Für Rave wird Kunst gleichermaßen vom Betrachter wie vom Künstler selbst gemacht: »Bilder fordern den Betrachter zum Staunen über die innere Folgerichtigkeit und die zauberhafte Macht der Farbe. Losgelöst vom Zweck des Alltäglichen, sieht er die Dinge neu.« Doch vor allem ist Kunst für Rave ein innerkünsterlerisches Problem, eng verknüpft mit dem Weltbild, das der Künstler hat. Und gerade Horst Rave versteht sich nicht etwa als unpolitischer Künstler, vielmehr, da in der Tradition konstruktivistischer Maler stehend, als einer, der Grundstrukturen der Gesellschaft mit Mitteln der Ästhetik verändern will: »Die Vision einer besseren Welt ist kein Luxus. Kunst ist realisierte Vision. Kunst ist überflüssig – aber nutzlos? Kunst ist wahrer als die Wirklichkeit.«

Ausgehend von »der Idee innen, der Form außen, schaumgeboren«, entwickelte der Maler Horst Rave Bildserien unterschiedlicher Zielrichtung, teilweise parallel und ineinander übergehend, stets Farbe und Form thematisierend: einfache Kombination von Elementen, komplexe Farbformbilder, variable Bild- und räumliche Systeme, Farbmengenbilder, Streifenbilder, Treppenbilder, Fallbilder, Plastikentwürfe, Volumenentwicklungen, Transparentbilder, nichtwinklige Bilder … und zwischen diesen Serien Bilder anderer Art, in die Serien nicht einzuordnen und daher in Gefahr, ein wenig ins Abseits zu geraten. Und nicht zu vergessen die gemeinsam mit Margarete Loviscach gestalteten Werke der »Gruppe Panda« mit ihrem dezidiert realistischen Ansatz.

»Der Geist eines Malers sind seine Rots, seine Grüns, seine Blaus« – auf kaum einen Maler trifft dieser Satz von Albrecht Fabri so zu wie auf Horst Rave, der in seiner praktischen wie theoretischen künstlerischen Arbeit auf den Grundlagen fußt, die die Pioniere der konstruktiven Kunst schufen. Anders als etwa Kasimir Malewitsch oder Piet Mondrian, denen sich Rave in der Beschäftigung mit den Gestaltungsmitteln geometrischer Abstraktion und im Postulat einer verbesserten menschlichen Welt durch exakte, rationale künstlerische Gestaltung verbunden weiß, mußte er sich den Weg zum Ungegenständlichen nicht mehr mühsam erkämpfen, sondern konnte, fußend auf der »art concret«, seine Werke auf elementaren, geometrischen Formen aufbauen und konsequent der konkreten Kunst folgen, sie weiterentwickeln und um wesentliche Elemente, um nuancierte Farbenkonzepte bereichern. War bei der Serie der »Fallbilder« (1968/69) das Quadrat Ausgangspunkt und »Anfang, aktiv und aufbauend; eine Potenz«, wie Horst Rave selbst schrieb, so war es in den im Jahre 1986 einsetzenden »Farbträumen«, die Raum und Bewegung in der Beschränkung auf elementare Form und Farbe suggerierten, das Rechteck als festgelegte Ausgangsform, das sich verwandelte, vervielfachte, neue Formen nach sich zog und Farbe mit Form verschmelzen ließ. Vor dem farbigen Grund scheinen die Formen für den Betrachter in unschlüssiger, stetiger Bewegung, während zugleich die Formen an Intensität und Leuchtkraft gewinnen und sich zu wahren Farbräuschen steigern. Raum bleibt sowohl für rationales Nachvollziehen sinnvoller Prozesse, als auch für spielerische Phantasie und sinnlich erfahrbares Erleben. In der Reihe der »Farbtektoniken«, sie seit 1987 entstehen, konzentriert sich Horst Rave auf rechtwinklige Gestaltung von horizontal und vertikal gelagerten Elementen und findet selbst dort, wo mehrere komplizierte Abläufe stattfinden, zu scheinbar leicht nachvollziehbaren Abfolgen von Formverwandlung, Vor- und Hintereinandern, von einer mathematisch exakten und ebenso lösbaren Konstruktion. Der Anschein spielerischer Leichtigkeit wird durch das weiter verfeinerte Farbkonzept erreicht.

Das Schreiben ist seine »Idealvorstellung«

So differenziert die Systeme, Elemente, Formen und Farben in der Malerei Horst Raves auch sind, so eindeutig ist die Stellung der Malerei innerhalb seines Œuvres – ein Gestaltungbereich neben und unter anderen. Das Schreiben ist seine »Idealvorstellung« – ein Schriftsteller benötigt letztlich nur Papier und Bleistift, bei einem Maler ist die Palette unabdingbarer Utensilien ungleich umfangreicher. Doch ist die Malerei der künstlerische Gestaltungsbereich, indem Rave weiterführende, verbessernde Übungen, bildnerische Ordnungen und ästhetisch-emotionale Äquivalente zur technologisch orientierten Gesellschaft erprobt und ausarbeitet, ursprüngliche Absichten mit fertigen Bildern vergleicht und Bildtheorien entwickelt. In verwandelter Form tauchen solche »demokratischen Bildformeln«, die demokratischer Gesellschaft entsprechen, in Reliefs oder in ganzen Reliefwänden wie etwa im Wandbild des neuen Postministeriums, wieder auf und verdeutlichen Auguste Herbins Aussage auf eindrucksvolle Aussage: »Die Malerei hat ihr eigenes Leben, ihre eigenen Mittel.«

Für Horst Rave macht die Malerei vor allem »frei und betroffen«. Er, der er weit mehr seine Werke, malerische wie schriftstellerische, in den Vordergrund stellt und wirken läßt, denn seine Person, der sich auf Ausstellungen und besonders auf solchen eigener Arbeiten, fühlt »wie ein Tanzbär«, bemüht sich in seiner Kunst um das »Erkennen, daß Farben und Formen eigenständige Gegebenheiten sind, und ihre Beziehungen: Modelle«. Horst Rave malt, um »aufgrund des gemeinen Chaos die besondere Regel« zu finden – besser als mit seinen eigenen Worten kann man es nicht ausdrücken.