Margarete Loviscach
Kurzporträt
Margarete Loviscach (sprich: Lovischach; 1913–1999) war Malerin und Zeichnerin in Bonn. Ihr Œuvre ist eine starke, konsequente und seltene Position der späten Bonner Republik. Als geistige Vertreterin der „Verschollenen Generation“ mußte sie sich ihre künstlerische Selbständigkeit hart erkämpfen.
Bekannt wurde sie für ihre sozialkritischen Bleistiftzeichnungen („Passanten“), die expressionistischen „Kämpfende“ und ihre Zusammenarbeit mit ihrem Lebenspartner Horst Rave in der Künstlergruppe „Panda“. Unbeirrt von den vorherrschenden abstrakten Strömungen ihrer Zeit, folgte sie einem schonungslosen Expressiven Realismus. Inspirieren ließ sie sich von einem „Nie wieder!“, von sozialen Mißständen und den Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung.
Ihr Leben war von Brüchen gezeichnet: die frühe Entwurzelung durch den Ersten Weltkrieg, der Protest gegen das nationalsozialistische Regime, Hunger und Not im Zweiten Weltkrieg, der frühe Tod ihres Mannes, der sie als alleinerziehende Mutter von drei Kindern (Peter (1935), Kaspar (1937), Lisa (1939)) zurückließ, und der frühe Tod Kaspars.
So kompromißlos wie ihre Kunst lebte sie auch ihr Leben. Sie engagierte sich in der Bonner Kulturpolitik, war Mitglied in der Künstlergruppe Bonn sowie im Bonner Kunstverein und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Frauenmuseums und der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung. Sie lebte eine für damalige Verhältnisse unkonventionelle Liebe und stellte ihre Überzeugungen stets über persönliche Vorteile und Konventionen.
Nachdem sie jahrzehntelang die Familie und die Karriere ihres Partners gefördert hatte, wagte sie den künstlerischen Neuanfang. Bis zu ihrer Parkinson-Erkrankung widmete sie sich vollkommen ihrer Kunst. Sie hinterläßt ein historisch fundiertes, konsequentes Œuvre.
Leben 1913–1999
Das Wichtigste in Kürze
- Frühe Schicksalsschläge: Entwurzelung durch den Ersten Weltkrieg, Not im Zweiten Weltkrieg, Ehemann und ein Sohn sterben jung.
- Früher Akt des Widerstands auf Kosten der Kunst: Bricht 1933 ihre künstlerische Ausbildung aus Protest gegen die nationalsozialistische Kulturpolitik ab.
- Pragmatische Überlebenskünstlerin: Erfindet sich als Witwe mit drei Kindern als Kunsterzieherin neu.
- Unkonventionelle, kompromißlose Lebensführung: Liebe zum 28 Jahre jüngeren Künstler Horst Rave; treibende Kraft in der Bonner Kunstszene und linken Politik.
- Komplexe Persönlichkeit: verschlossen und unnahbar, ihren Mitmenschen aber zugewandt, starker Gestaltungswille.
Harte Jahre
Auf dem Selbstbildnis, nüchtern mit Bleistift gezeichnet, steht sie zusammengekauert vor Leinwänden. Mit beiden Händen hält sie einen Revolver. Sie, die Waffen grundsätzlich ablehnt. Ihre Schultern hochgezogen, ihr Gesichtsausdruck … resigniert, kämpferisch, beides?
Wir können nur raten:
- Enkel Jan Wagner: „Es ist in völliger Verzweiflung entstanden; als hätte sie Angst und müsse sich verteidigen. Die Werke tauchten erst bei der Haushaltsauflösung auf.“
- Freundin Ulrike Heusinger von Waldegg: „Ich erinnere mich an ein spätes Selbstporträt, das sie frontal zeigt, Horst, den Künstler, in seinem Gefährdetsein mit einer Pistole verteidigend, die sie auf den Betrachter richtet.“
So rätselhaft wie dieses Schlüsselwerk bleibt Margarete Loviscach und ihr gesamtes künstlerisches Œuvre. Ihr Leben ist geprägt von Schicksalsschlägen und Umbrüchen. Trotzdem gestaltet sie Leben und Kunst nach ihren Vorstellungen, ohne Rücksicht auf die Meinung anderer. Das Lebensthema: Ein Konflikt zwischen dem gelebten Alltag und der künstlerischen Arbeit.
Margarete Loviscach wird 1913 in Dublin, Irland, geboren. Ihre Eltern waren im Jahr zuvor nach Irland ausgewandert. Geheiratet hatten sie in Sheffield. Vater Otto Wagner arbeitet in Dublin als bekannter Solocellist. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs verliert die Familie ihre Existenzgrundlage. 1916 wird Otto Wagner auf der Isle of Man interniert. 1918 ziehen Margarete und ihre Mutter Renée nach Wuppertal. 1919 wird Margarete in Wuppertal-Elberfeld eingeschult, „ohne daß ich mehr als ein paar Worte Deutsch sprechen konnte“1 .
1933 macht sie Abitur und lernt anschließend an der Kunstgewerbeschule Wuppertal. Dort lernt sie den Maler und Bauhaus-Schüler Max Loviscach kennen, den sie im selben Jahr heiratet. Zu dieser Zeit muß sie erstmals zwischen ihren Überzeugungen und ihrer Kunst wählen. Als das nationalsozialistische Regime ihren Professor Gustav Wiethüchter ausschließt, protestiert sie mit gleichgesinnten Kommilitoninnen und Kommilitonen. Schließlich bricht sie ihr Studium ab und studiert stattdessen Kunstgeschichte an der Universität Bonn.
Die Jahre des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs bringen Not und Entbehrung. Sie lebt zunächst mit ihrem Mann abgeschieden in einem Fabrikspeicher. Trotzdem erlebt sie mit Entsetzen die Reichspogromnacht und ihre Folgen wie auch die Plünderungen jüdischer Geschäfte in Wuppertal. 1939 reist sie mit ihren Kindern in das Malerdorf Kleinsassen in der Rhön. Von dort schickt sie ihre Bilder – es sind Landschaften – trotz Hindernissen nach Wuppertal, um sich an Sammelausstellungen zu beteiligen. Bei einem Bombenangriff auf Wuppertal verbrennen all ihre Gemälde. Als mittellose Geflüchtete – noch dazu als atheistische Stadtmenschen – sind die Loviscachs nicht willkommen, zumal sie sich weigern, Fleisch zu essen. Um ihre drei Kinder zu ernähren, muß sich Margarete verbiegen: Gegen ihre Überzeugung malt sie kleine Marien- und Kirchenbilder für die Bauern, um dafür ein Ei oder andere Lebensmittel zu bekommen.
Nach dem Krieg, 1956, folgt die nächste private Tragödie. Daß die britischen Alliierten den Verkehr auf der rechten Seite nicht gewohnt sind, wird Max Loviscach zum Verhängnis. Nach einem Besuch der Kunsthalle Düsseldorf wird er überfahren.
Neuanfang in Bonn
Mit 43 Jahren steht Margarete Loviscach allein da: Witwe, drei Kinder, ungewisse Zukunft. Doch anstatt zu zerbrechen, erfindet sie ihr Leben neu – pragmatisch, unbeugsam, unkonventionell.
Verantwortlich für drei Kinder ergreift Loviscach die Chance, die ihr der Staat Nordrhein-Westfalen bietet: Sie läßt sich als Quereinsteigerin zur Lateinlehrerin und Kunsterzieherin ausbilden. Zunächst unterrichtet sie am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium, gerät jedoch immer wieder in Konflikt mit dem Direktor, der dem Nationalsozialismus nahesteht. Ab Mitte der 1950er Jahre wird sie am neuen Heinrich-Hertz-Gymnasium in Bad Godesberg zur beliebten Lehrerin, die sich, so der damalige Schulleiter Dr. Werner Trutwin, „oft wie eine gute Mutter für ihre Schülerklientel engagiert einsetzt“ 2. Sie fördert sie einfühlsam und mit erfinderischem Unterricht, kämpft für gute Noten und Versetzungen.
Auch für die jüngere Kollegin und Freundin Ulrike Heusinger von Waldegg ist Loviscach „eine unumstößliche Instanz“. „Sie war klug, kritisch, eigenwillig, gesellschaftlich engagiert, unangepaßt, eine aufmerksame Gesprächspartnerin mit einer großen Lebenserfahrung, die sie einem aber niemals aufdrängte, hilfsbereit. Nach außen hielt sie sich zurück, sprach leise, aber sehr bestimmt.“
Dieses unangepaßte Wesen spiegelt sich auch in ihrem Äußeren wider. Loviscach trägt einfarbige und ungemusterte Kleidung: ausschließlich Hosen, darüber weite Blusen, Kittel oder bequeme Pullover, oft einen Schal um den Hals. Sie verzichtet auf Schmuck, und ihre Frisur – schwarze, halblange Haare mit Pony – ändert sie über die Jahre nie.
Ihr Engagement geht weit über die Pflicht hinaus. 1984 initiiert sie beispielsweise ein Projekt mit Horst Rave an der Holzlarer Schule Om Berg. Sie möchten die Kinder in ihre realistischen Bleistiftzeichnungen und deren handwerklichen Prozeß einführen. Gegenüber dem Schulamt der Stadt Bonn begründen sie es wie folgt:
„Künstler haben einen anderen Zugriff zur Kunst, sie können die Einheit von Bildgegenstand und Realisierung anschaulich vermitteln. Im Gespräch erwarten Künstler nicht (erg. wie die Lehrer) ‚Leistung‘ auf Grund von Gelerntem, sondern es entstehen neue Voraussetzungen, die helfen können, manchen Schüler aus festgefahrenen Situationen zu lösen. So werden neue Gesichtspunkte in den Unterricht eingebracht, es entsteht ein neues Selbstverständnis der Kunst gegenüber.
Die meisten Kinder kennen, besonders im Bereich der modernen Kunst, nur das fertige Kunstwerk oder sogar nur Reproduktionen im Lesebuch. Durch das Zusammenwirken von Originalen und Gespräch erhält Kunst für die Kinder eine lebendige Bedeutung. Sie entdecken bewußt die Wirklichkeit ihrer eigenen Umwelt im Bild der Wirklichkeit des Künstlers.
Vor allem aber können Künstler unmittelbar am besten das Handwerkliche vermitteln und dadurch die Kinder zu neuem eigenen Tun anregen. Sie lernen ausgetretene Pfade zu verlassen und erschließen sich neue Möglichkeiten, die eigenen Vorstellungen aufzuzeichnen.“
Auch nach ihrer Pensionierung führt Loviscach unentgeltlich Kunst-AGs weiter.
Mit Bundesmitteln kann Margarete Loviscach 1957 ein Grundstück in der Combahnstraße 1 in Bonn-Beuel kaufen. Direkt neben der Kennedybrücke, mit Blick auf Oper und Beethovenhalle, baut sie ein Haus, das zum Zentrum ihres neuen Lebens wird. Ein unkonventionelles Leben, geprägt von Familie und Kunst.
„Sie war sehr zuverlässig für ihre Familie da“, bestätigt auch Freundin Ulrike von Waldegg. „In schwierigen Zeiten nahm sie ihre Enkel zu sich und kümmerte sich aufmerksam und rührend um sie.“ Oft geht sie mit ihnen spazieren. Ihre Kreativität fördert sie: Als Enkel Lovis einen Jungen malt, der eine Mauer durchbricht, kommentiert sie es positiv als „Verweigerung, sich eingrenzen zu lassen“.
Loviscach bleibt sich auch in der Liebe treu. 1963 unterschreibt sie als Kunsterzieherin das Abiturzeugnis des 28 Jahre jüngeren Horst Rave. Ihre Liebe machen sie öffentlich – damals ein gesellschaftlicher Tabubruch. Auch ihre Kinder finden die Beziehung „nicht gut“, erinnert sich ihr Enkel Lovis Wambach. 1964 zieht Rave bei ihr ein. „Es war eine große Liebesgeschichte“, bestätigt Wambach. Sie schenkt ihm einen selbsthergestellten Skarabäus aus Speckstein, den er bei Ausstellungen als Amulett an einer Halskette trägt.
Auch ihren Alltag leben sie unkonventionell und pragmatisch. Rave richtet auf dem Dachboden sein Atelier ein. Sie fördert ihn, während sie die Familie mit ihrer Vollzeitstelle versorgt. Dafür, so erinnert sich ihre Freundin Ulrike Heusinger von Waldegg, übernimmt Rave während ihrer Berufstätigkeit Kochen und Haushalt.
Das Haus in der Combahnstraße spiegelt das unkonventionelle Leben wider, ohne sich beweisen zu müssen. Von Weitem ist es dank seiner lila, gelben und rosa gestrichenen Fensterrahmen zu erkennen. Innen riecht es durchdringend nach Terpentin. Das Wohnzimmer dient gleichzeitig als Ausstellungsraum. Die Einrichtung ist pragmatisch, aber individuell und von Bauhaus-Geist geprägt: selbstentworfen und -gebaute Möbel aus Styroporblöcken und Spanplatten, bezogen mit naturfarbenem Nesselstoff (ein einfacher Baumwollstoff, der damals en vogue war). Sie knistern leicht, wenn man sich setzt. „Interessant, aber durchweg hart und unbequem“, erinnert sich Wambach. Das Haus quillt über vor Kunstbüchern, ergänzt von perfekt sortierten Diakästen für den Unterricht. In der kleinen Küche hängt eine großformatige Weltkarte, die den Blick weitet. Bequemlichkeit muß Kunst und Funktion weichen.
Zu diesem pragmatischen und unkonventionellen Leben, das Schicksalsschlägen trotzt, gehört auch ihre Art der Fortbewegung. Obwohl ihr erster Mann von einem Auto überfahren wurde, fährt Loviscach selbst ihr Leben lang. Ihr Enkel Lovis Wambach erinnert sich: „Sie war eine schreckliche Autofahrerin. Man hatte immer eine latente Angst, wenn man mit ihr fuhr.“ Ihr postkastengelber VW Passat landet oft in der Werkstatt, weil sie schlecht einparkt und Poller rammt. Doch sie fährt ihn, bis er schrottreif ist.
Auch in dieser Phase schlägt das Schicksal zu. 1966 stirbt ihr Sohn Kaspar innerhalb von sechs Wochen an Leukämie. Über diesen und andere Verluste spricht sie fast nie. Ihre Ventile bleiben ihr gesellschaftspolitisches Engagement und vor allem ihre Kunst.
Den Konflikt zwischen harter Realität und künstlerischem Schaffen beschreibt ihr Partner Horst Rave so: „Kunst ist eine eigene Wirklichkeit – ja, in Wahrheit wird sie gegen die Realität gemacht, im Widerstand zum kleinen Alltag, sie hat gegen das Windelwechseln und Geschirrspülen zu entstehen. Das macht Kunst so unerbittlich, da sie gegen die Zeit kämpft.“ 3
Kunst als Haltung
„Symbol einer Zwei-Klassen-Gesellschaft!“, regt sich Loviscach auf. Sie meint damit die Doppelkirche in Schwarzrheindorf, wo die Armen unten, die Reichen oben gebetet haben. Auch auf anderen Ausflügen mit ihren Enkeln findet sie Anlässe, sich zu empören: „Wenn wir an der Mosel oder am Rhein entlangfuhren und diese Häuser mit ihren kleinen Türmchen sahen, hat sie geschimpft. Für sie war das die Hybris des Kleinbürgertums, der Versuch, sich ein eigenes kleines Schloß Neuschwanstein zu errichten. Das hat sie als überzeugte Sozialdemokratin sehr verärgert.“
Margarete Loviscach beobachtet ihre Umgebung mit wachem, kritischem Blick. In ihren Bildern macht sie festgefügte Konventionen und Riten sichtbar, um das Leben dahinter aufzuspüren und den Mitmenschen aufrichtig und mit wachem Geist begegnen zu können. Ihr Partner Horst Rave zitiert sie: „Der ‚Alltag‘, die unscheinbare Situation, zeigt den Menschen deutlicher als die Ausnahmesituation. In der Menge, oder allein, in der Magie des Alltags.“ 4
Sie ist eine treibende Kraft in der Bonner Kunstszene und kämpft für die Sichtbarkeit von Kunst und Künstlerinnen. Als Gründungsmitglied engagiert sie sich in der Künstlergruppe Bonn und im Bonner Kunstverein. Sie beteiligt sich an der Frauenbewegung, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Frauenmuseums Bonn und arbeitet in den ersten Jahren an dessen Aufbau mit.
Inspirieren läßt sie sich in der Natur, bei Ausflügen in den Wald oder an die Mosel, die sie auch auf einer mehrwöchigen Pilgerreise allein erkundet. Auch die Kunst sucht sie auf Reisen: Gemeinsam mit Horst Rave und einem befreundeten Paar fährt sie jahrelang an einem Wochenende vor Weihnachten nach Paris, um die wichtigsten Ausstellungen zu besuchen. Ihr Lieblingsmuseum bleibt jedoch das niederländische Kröller-Müller-Museum, das sie „das schönste der Welt“ nennt. In einem Brief an ihren Enkel, vermutlich 1986 geschrieben, schwärmt sie von einem Film von Chantal Akerman („Eine ganze Nacht“): „So schöne Bilder habe ich selten gesehen, richtig satt sehen konnte ich mich.“
Als überzeugte Sozialdemokratin engagiert sie sich im SPD-Ortsverein von Bonn-Beuel, das durch Industrie und Handwerk geprägt ist. Der Ortsverein ist wichtiger Bestandteil der Arbeiterbewegung und genießt traditionell starken Rückhalt in der Arbeiterschaft. Loviscach wirkt im Hintergrund, formuliert Anträge und kämpft für „generelle Gerechtigkeit und den Ausgleich zwischen den sozialen Schichten“, so die Museumsleiterin Marianne Pitzen. Ihr politisches Engagement ist im ganzen Haus unüberhörbar, wenn sie an ihrer schweren Schreibmaschine sitzt und das laute „Tacka-Tacka“ der Tasten die Räume füllt.
Ihr Einfluß reicht bis in die Bonner Politik. 1978 beteiligt sie sich mit ihrer Kunst-AG des Heinrich-Hertz-Gymnasiums am Kanzlerfest. Die Ideen zu den zweieinhalb Meter hohen Styroporfiguren stammen maßgeblich von ihr, während Horst Rave die handwerkliche Umsetzung übernimmt. Zu diesem Fest nimmt sie auch ihren Enkel Lovis mit und stellt ihn ohne Sicherheitskontrollen Loki und Helmut Schmidt vor. Allerdings hat sie keine hohe Meinung von ihm. So schreibt sie in großer Schrift und luftigen Abständen in einem Brief an ihren Enkel am 6. Juni 1986:
„Ich werde mich hüten, meine Meinung über den ‚Hütenträger“ zu korrigieren! Sie war immer und ist es noch: schlecht! Er hat uns doch noch tiefer in die adenauersche Rüstungs- und Großindustriepolitik hineingetrieben. Für Menschen und Kultur war er blind. (…) Allerdings ist Schmidt wohl innerhalb seiner Scheuklappen sehr intelligent (…). (Übrigens hat Schmidt wenigstens noch die deutschen Expressionisten geschätzt, die Kohl bei seinem Amtsantritt nicht einmal kannte und ablehnte. Er ließ Namensschilder bei denen, die in den Fluren aufhängt waren, anbringen.“
Der Mensch steht im Mittelpunkt ihres Denkens – und damit auch ihrer Kunst. Status, Besitz und Konventionen sind zweitrangig. Ob Sexualität, Jugend, Alter oder gesellschaftlich verlangtes Verhalten – alles wird hinterfragt. Ihr politisches Engagement und ihr künstlerisches Schaffen sind zwei Seiten derselben Medaille: ein unbestechlicher, sozialkritischer Blick auf die Conditio humana.
Späte Jahre
Als die Kinder in den späten 1960er Jahren erwachsen sind und der Lehrberuf hinter ihr liegt, kann Margarete Loviscach lebenslange Eindrücke und Erfahrungen in Kunst übersetzen. In dieser späten Hochphase entstehen ihre wichtigsten Werkgruppen.
Ihrer Haltung als sozialengagierte Künstlerin bleibt sie treu. 1995, vier Jahre vor ihrem Tod, stellt sie gemeinsam mit Horst Rave in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta aus. Es ist ein Versuch, den inhaftierten Frauen „Verständnis und Mut“ zu vermitteln – und ein letztes Zeugnis ihrer Überzeugung, daß Kunst und gesellschaftliche Verantwortung einhergehen.
Margarete Loviscach malt bis zu ihrem 80. Lebensjahr. Sie geht weiterhin täglich am Rhein spazieren, aber ihre Schritte werden kleiner und kleiner. Dann erkrankt sie an Parkinson. Innerhalb kürzester Zeit wird sie bettlägerig und bleibt es für drei Jahre. Horst Rave pflegt sie liebevoll bis zu ihrem Tod am 15. Juni 1999.
Bis zum Schluß gibt sie ein verschlüsseltes Bild von sich ab. Ihrer Familie gegenüber meidet sie private Themen. Auch alltägliche Informationen hält sie zurück. Wegbegleiterin Heidrun Wirth erinnert sich an ihre Zusammenarbeit im Rahmen einer Kunstausstellung: „Sie redete nicht über sich und so wußte ich nicht einmal, daß ich da sogar eine Kollegin vor mir hatte.“ Journalistin Petra Rapp-Neumann porträtiert sie: „Ihr Werdegang erscheint ihr nur wichtig, soweit ihre Kunst davon geprägt wurde.“ 5 Das Verhältnis zu ihrer Tochter Lisa beschreibt ihr Enkel als schwierig, geprägt von dem Gefühl, ihre Mutter habe ihr „ganz wenig gegönnt“. Im starken Kontrast steht die rückhaltlose Offenheit gegenüber ihrer Freundin Ulrike von Waldegg. Ihr vertraute sie sich so sehr an, was diese „teilweise überforderte“.
Margarete Loviscach mußte stark sein, um als Frau und Künstlerin zu überleben. Am Ende bleiben die Fragen: Was hat sie für die Kunst geopfert – und welches Œuvre hätte sie hinterlassen, hätte sie nicht den Revolver zücken müssen?
Werk
Das Wichtigste in Kürze
- Starke, unabhängige Position der Nachkriegszeit und späten Bonner Republik.
- Expressiver Realismus nach Rainer Zimmermann, basierend auf Sozialkritik und gelebter Wirklichkeit.
- Vertreterin der „Verschollenen Generation“: Biographischer Bruch aus Protest gegen NS-Regime, kann nach Zweitem Weltkrieg als Künstlerin nicht über die Bonner Grenzen hinaus Fuß fassen.
- Œuvre umfaßt 4 Werkgruppen: Bleistiftzeichnungen, plastische Malerei.
- Sonderpreis des Bundesministeriums des Innern für den Beitrag zu „Künstlerfahnen“ (Hofgarten, Bonn), erste Bonner Kunstwoche, 1984
Künstlerische Einordnung
Ihr Name taucht unerwartet auf: im Archiv des Getty Research Institute, unter den Papieren des einflußreichen Kurators Harald Szeemann. Obwohl Margarete Loviscach in den 1980er Jahren viel besprochene Einzelausstellungen zeigt, beschränkt sich ihre Bekanntheit auf den Bonner Raum.
Damit teilt sie das Schicksal der von Kunsthistoriker Rainer Zimmermann definierten „Verschollenen Generation“ 6 wie Otto Nagel, Wolfgang von Websky und Curt Querner. Ihre Vertreter, deren Karrieren durch das NS-Regime gebrochen werden, können nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem nationalen Kunstmarkt kaum Fuß fassen. Und obwohl Loviscach (geb. 1913) etwas jünger ist, kann sie als Vertreterin dieser Generation verstanden werden.
Loviscachs künstlerische Wurzeln liegen in der Neuen Sachlichkeit, einer Stilrichtung, die die Kunst der Weimarer Republik prägt. Es geht nicht mehr darum, die Wirklichkeit in kräftigen Farben subjektiv wiederzugeben, sondern um eine sachliche, objektive Bildsprache. Das Motiv: Gesellschaftskritik.
Anfang der 1930er Jahre studiert sie an der Kunstgewerbeschule in Barmen. Bei Professor Max Bernuth lernt sie plastische, von Elementen des Kubismus beeinflußte Gestaltung. Bei Gustav Wiethüchter wiederum einen feinen, prägnanten Zeichenstil, den sie schon früh für gesellschaftskritische Bildmotive heranzieht und bis ins späte 20. Jahrhundert fortsetzt. Thematisch speist er sich aus ihrer Lebenserfahrung und aktuellem politischem Engagement. Ein Meilenstein ist 1983 die Einzelausstellung „Margarete Loviscach – Passanten“ im Frauenmuseum Bonn.
Drei entscheidende Faktoren verhindern, daß ihre Kunst die Bekanntheit erlangen kann, die sie verdient hätte.
- Die biographischen Brüche: Nach Zimmermann gelten für alle Angehörigen der Generation geschichtliche Rahmenbedingungen, darunter die „Infragestellung ihrer Arbeit im Dritten Reich, die gesellschaftlichen Verschiebungen, die Veränderung des Kunsthandels, die Wachablösung bei den Leitern der Museen und Ausstellungsstätten und der Wechsel der Publizistik. […] Es gelang ihnen zwar, örtliche Aussteller oder Institutionen des Landes zu gewinnen, selten aber konnte der regionale Rahmen gesprengt werden.“ 7Genau das trifft auf Loviscach zu. Ihre konsequente Haltung gegen die Diktatur der Nationalsozialisten und der Zweite Weltkrieg zwingen sie zu einem Leben, in dem sie sich die Kunst immer wieder erkämpfen muß – ohne Atelier, mit wenigen (künstlerischen) Mitteln, als alleinerziehende, berufstätige Mutter.
- Der Kunstmarkt der Nachkriegszeit: Nach Zimmermann liegt „die entscheidende Ursache für die über die Jahrhundertmitte anhaltende Verschollenheit der Maler des expressiven Realismus […] in der Ausschließlichkeit, mit der im Westen die modernistischen Strömungen das Terrain besetzten und mit der im Osten auf dem ideologischen Engagement der Kunst bestanden wurde.“ 8Heißt: Unterschiedliche abstrakte Stilrichtungen wie Abstrakter Expressionismus, Informel und Konkrete Kunst dominieren nach dem Zweiten Weltkrieg die Kunst des Westens. Besonders die Deutschen wollen nach den nationalsozialistischen Werken keine gegenständlichen Motive mehr. Kunstschaffende des „Expressiven Realismus“ werden dadurch weniger wahrgenommen oder sogar ignoriert.Auch Loviscachs Arbeit beachtet die breite Öffentlichkeit kaum. Marianne Pitzen, Gründerin des Frauenmuseums, bestätigt: „Sie war eine sehr eigenständige Künstlerin. Ihr Werk war hintergründig und für die damalige Zeit ungewöhnlich.“Loviscachs Stil verweigert sich starren Vorgaben. Sie selbst sagt über sich, sie sei eine Künstlerin ohne unmittelbare Vorbilder und wolle sich bestimmten Theorien nicht unterwerfen. 9 Maßgeblich ist die „künstlerische Grundhaltung“, wie sie Zimmermann den Kunstschaffenden des „Expressiven Realismus“ attestiert: Das, was ist, wird realistisch dargestellt und zugleich individuell, also expressiv, interpretiert. Die Definition dieses Realismus, so Zimmermann, sei „als ‚expressiv‘ bereits im Begriff angelegt“, denn schließlich sei „in jeder realistischen Kunst eine ‚ewig Möglichkeit des Menschen‘ konkretisiert, die erst aufgrund der Entscheidungen über die jeweiligen Normen ihre besondere, zeitbezogene Ausprägung erfährt“. 10
Diese Haltung gipfelt 1987 in Loviscachs Einzelausstellung „Neue Bilder und Zeichnungen“ im Bonner Kunstverein. Die stark expressionistischen Werke zeigen mit leuchtenden Farben und vereinfachten, verzerrten Formen innere Zustände wie Aggression und Isolation.
- Ihr Geschlecht: Selbst in Zimmermanns wichtiger Aufarbeitung bleibt Loviscach unsichtbar. Denn sie gehört zu einer von Zimmermann wie vom männerdominierten Kunstbetrieb weitestgehend ignorierten Gruppe: die der Künstlerinnen. Mit ihnen geht nicht nur der weibliche künstlerische Ausdruck verloren, sondern auch:
- Der weibliche künstlerische Ausdruck der verlorenen Generation. Loviscach prangert Isolation, zeitlose Gewalt und ungelöste gesellschaftliche Konflikte an und ruft damit zu mehr Menschlichkeit auf.
- Die Lebensrealität von Frauen, die Kunst schufen – trotz Kindern, Haushalt und Armut. Loviscachs Kunst entsteht zudem neben einer Vollzeitstelle und ihrem politischen Engagement, das für ein „Nie wieder“ kämpft.
Das Werk von Margarete Loviscach ist noch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Diese Arbeit ist eine erste Betrachtung, um überhaupt auf die Künstlerin aufmerksam zu machen.
Was wir wissen: Margarete Loviscach hinterläßt ein reifes, historisch geprägtes Œuvre, das ihre unbeugsame Haltung bezeugt. Es ist eine starke, konsequente und seltene Position einer Künstlerin der späten Bonner Republik.
Werkgruppe 1: Arbeiten der Gruppe Panda, ab 1970
Chronologisch steht am Anfang von Loviscachs reifem Schaffen eine enge künstlerische Partnerschaft. 1970 gründet sie mit ihrem Lebensgefährten Horst Rave die Gruppe Panda.
Obwohl die Arbeiten als Gemeinschaftswerke gelten, deutet vieles auf Loviscach als die konzeptionell treibende Kraft hin. Diese Einschätzung teilt auch die Künstlerin Marianne Pitzen. Sie kannte beide gut und merkt an, daß „die Panda-Werke doch ganz entscheidend von Margarete Loviscach geprägt sind. Doch nie hätte sie einen Schüler zurücklassen können…“ 11
Einzelausstellungen:
- 1974, Panda: Südbrücke, Rheinisches Landesmuseum Bonn
- 1984, Gruppe Panda, Evangelisches Gemeindehaus Bonn-Holzlar
- 1987, Gruppe Panda, Beueler Filiale der Dresdner Bank
Werkgruppe 2: „Passanten“, erste Hälfte 1980er
Zunächst ist es die Bewegung der aneinander Vorbeihastenden, die Loviscach auffällt. Dann fallen ihr die Gesichter der Passanten auf. Die meisten Menschen liefen aggressiv und eilig durch die Straßen oder schauten mit gesenktem, traurigem Blick aneinander vorbei. 12
Ganz anders Margarete Loviscach, für die der Mensch immer im Mittelpunkt steht.
Auf ihren Spaziergängen fotografiert sie die Passanten mit Schwarz-Weiß-Kameras, einer Canon FT und einer AE-1. Sie entwickelt sie in einem kleinen Labor zu Hause. Aus vielen Eindrücken wählt sie einen Ausschnitt, eine Perspektive und verdichtet die Situation.
Mal mit spitzem, hartem Bleistift, mal in mildem Bleistift-Sfumato zeichnet sie Schicht für Schicht Einzelfiguren oder Gruppen von Menschen. Ihr Blick entlarvt alltägliche Situationen, die selten von männlichen Künstlern verarbeitet werden. „Durch Steigerung einzelner Realitätsfragmente, durch partielle Verhärtungen oder Verwischungen“, so beschreibt es Horst Rave, legt sie „das Beziehungsgefüge der Figuren bloß, ohne Gehässigkeit“. 13
Die Körper existieren verloren in der Masse oder halten sich zusammengepfercht an offizielle Regeln, zum Beispiel die einer Ampel. Ihre Gesichter jedoch sind detailliert ausgearbeitet, denn Loviscach will „die Menschen nicht als anonyme Masse zeigen: auf jeden einzelnen kommt es an.“ 14 Dahinter steht ihre Erfahrung mit der Geschichte, die über den Alltagsmoment hinausweist: „Von dem gelungenen oder mißlungenen Verhalten hängt zum großen Teil das Glück oder Unglück von Einzelmenschen und von Gruppen ab.“ 15
Durch pointierte Darstellung von Mimik, Gesten, Kleidung und Interaktion mit den Mitmenschen schafft sie einen Spagat: Sie zeigt Prototypen und Geschlechterrollen der Industriegesellschaft, ohne sie zu denunzieren. Sie zeichnet sie nüchtern, aber auch einfühlsam und manchmal verfremdet „teuflisch“ oder „äffisch“, sodaß „hinter dem Realismus etwas surreal Groteskes zum Vorschein“ 16 kommt. Zum Beispiel:
- „Losverkäufer – Er verkauft sein Los“ (1982)
- „An der Würstchenbude“ (1982)
- „Familie“ (1983)
- „Ehepaar“ (1983)
- „Familienspaziergang“ (1983)
- „Ostern 83“
Die Menschen erscheinen nicht lächerlich oder karikierend. Sie alle sind Individuen, gefangen in ihrer Situation, gezeichnet vom Schicksal. Künstler und Partner Horst Rave beschreibt die Tragik der Bilder so: „In Wirklichkeit sehnen sich die Menschen nach Nähe und Kontakten und rennen sich doch nur gegenseitig um, oder aneinander vorbei. Ständig begegnet man anderen, berührt sich fast, kommt sich aber nicht näher – unbefriedigte Sehnsüchte – Frustrationen suchen Schuldige und Entschuldigungen – die Verhältnisse sind es, sie verhindern Gemeinschaft: ‚Beton, Technik, Multis …‘. Die Unfähigkeit, Gräben zu überspringen, ist die Unfähigkeit der anderen.“ 17
Mit dieser Werkgruppe thematisiert Loviscach die innere Emigration, die Isolation und die große Einsamkeit der Industriegesellschaft, in der die Arbeit zählt, weniger das Miteinander. Die Werkgruppe umfaßt neben den Bleistiftzeichnungen auch Drucke und mindestens ein Werk in Tempera/Öl auf Leinwand.
Ein Schlüsselwerk markiert den Übergang zur nächsten Werkgruppe, in dem sich das unterschwellige Gewaltpotenzial entlädt: Die Zeichnung „o.T., VIII/83“ zeigt, wie sich Menschen wie Lemminge von der Bonner Kennedybrücke stürzen. Die passive Gleichgültigkeit der Passanten kippt in eine aktive, verzweifelte Bewegung. Dieses Motiv wird Loviscach nicht mehr loslassen.
Einzelausstellungen:
- 1983, Margarete Loviscach – Passanten, Frauenmuseum Bonn (Faltblatt)
- 1989, Passanten, Versöhnungskirche Bonn-Beuel
Werkgruppe 3: „Stürzende“, erste Hälfte 1980er
Das Motiv des Sturzes, das die „Passanten“-Serie so dramatisch abschließt, wird für Loviscach zur zentralen Obsession. Von 1983 bis 1984 zeichnet und malt sie großformatige Bilder von schwebenden und stürzenden Menschen. Es ist der Traum vom Fliegen, der im Fall ins Bodenlose mündet.
Zunehmend manifestiert sich im freien Fall die Gewalt. Die Entwicklung vom einfachen zum qualvollen Fallen verdeutlichen zwei Arbeiten, die Artistinnen und Artisten zeigen. Bekämpfen sich in dem einen Werk noch zwei Artistinnen auf einem Seil, so stürzen die „Akrobaten“ (1985), von Bühnenlichtern beleuchtet, unentrinnbar in die Tiefe. Im Kampf kommen sie nicht voneinander los, bis zur Vernichtung.
Mit diesem schonungslosen Blick stößt Loviscach ihr Publikum vor den Kopf. Zum Beispiel, als sie sich an der Ausstellung „Erotik 1986“ im Bonner Frauenmuseum beteiligt. Museumsleiterin Marianne Pitzen erinnert sich an die Reaktionen: „Insbesondere ihre Bilder mit den aus den Himmeln stürzenden nackten Männern lösten selbstredend einige Spekulationen aus, sie verstörten viele, die sich mehr Harmonie und Zärtlichkeit von den Künstlerinnen gewünscht hätten. Daß sie mit Bildern von Gewalt bis zu Haß und Tod konfrontiert würden, das hatte das Publikum nicht erwartet.“ 18
Bis in ihre späten Schaffensjahre bleibt der Sturz ein Motiv, wobei die Figuren zunehmend abstrakter werden und an Gliederpuppen erinnern. Eins ihrer letzten Werke vor ihrer Erkrankung, „Menschen und Kuben“ (1993), deutet die mögliche Entwicklung an: zu einer radikaleren Abstraktion von Kontrollverlust und existenzieller Verletzlichkeit. Möglich ist aber auch die umgekehrte Interpretation: Die Menschen befreien sich im Fall aus ihren Zwängen.
Werkgruppe 4: „Kämpfende“, zweite Hälfte 1980er
Zwei Körper, brutal ineinander verkrampft. Ihre Gesichtszüge zur Grimasse verzerrt, unterscheidbar nur durch den Ausdruck von Angst und Gier. Sie ringen um Macht und Überleben.
In kräftigen Farben wuchtet Loviscach plastische Körperlichkeit auf die Leinwand. Sie sagte einmal, daß sie „Bildhauerin wäre, wenn sie nicht zeichnen würde“. Mit dieser Werkgruppe beweist sie es, ganz im Sinne des expressiven Realismus. Rainer Zimmermann beschreibt dessen Wesen als den „Verzicht auf das rationale Gerüst der wissenschaftlichen Zentralperspektive“ zugunsten von Farbe und Form, angeregt von den „koloristischen und formalen Experiment[n] seit dem Impressionismus“. 19
Loviscach moduliert ineinander verkeilte Körper zu einer strotzenden Gesamtfigur. Mit den Kämpfenden – es sind überwiegend Männer – zeigt sie unmittelbare physische Gewalt. Sie blähen sich auf, erobern den leeren Raum als „gewaltige-gewalttätige Masse“. 20
In diesem Kontext thematisiert Loviscach die Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht. In „Zwei Männer und eine Frau“ (1986) dominiert der Kampf der Männer. Die Frau ist eingekeilt, den brutalen Zugriffen der Männer ausgeliefert. Wer hält länger aus, wer beugt sich dem Zwang, wer wird vom Opfer zum Täter? Der „Mann“ (1988) preßt sich, halb kniend, kaum aufrecht, das Gesicht im Schrei verzerrt, gegen die Eingrenzungen der Leinwand.
Die gesamte Kraft dieser Werke entfaltet sich in Loviscachs Einzelausstellung „Neue Bilder und Zeichnungen“ (1987, Bonner Kunstverein). Die damalige Geschäftsführerin Annelie Pohlen erinnert sich, wie sie einige Werke (vermeintlich) auf den Kopf hängte: „Als seien die Seelen auf den Kopf gestellt, änderten die Gesichter ihren Ausdruck: hier wurden sie böser, dort eher Mitleid erregend. Uneindeutig eben in einem Maße, da der sichere Boden, nach dem wir noch vor dem Bösen streben, unter den Füßen wankt.“ 21
Gibt es einen Gegenpol? Loviscach stellt dem brutalen Kampf Werke wie „Ruhender Mann“ (1988) und „Mutter und Kind“ (1988) gegenüber. Bis in die frühen 1990er Jahre entwickelt sie eine Serie von Tanzenden: von „Tanzende, III/86“ (1987) bis zur dreiteiligen Folge „Tanz I ‚Auftakt‘“ (1991), „Tanz II ‚gemessen‘“ (1991), „Tanz III ‚Furioso‘“ (1991). Dem statischen, in sich verkrallten Ringen der Kämpfer setzt sie die rhythmische, befreiende Bewegung entgegen. Auch die Stürzenden markieren diesen Kontrast.
Zeitlose, komponierte Studien prägen die letzte Werkgruppe. Sie werten nicht, sie erzählen nicht, sondern stellen schlicht fest: existenzielle, körperliche Erfahrungen des Menschen, damals wie heute.
Einzelausstellung:
- 1987, Neue Bilder und Zeichnungen, Bonner Kunstverein (Katalog)
- 1995, Von Menschen und Farben – Kunst im Gefängnis (zusammen mit Horst Rave), Justizvollzugsanstalt (JVA) für Frauen in Vechta
Weitere Motive
Neben den vier großen Werkgruppen enthält Loviscachs Œuvre zahlreiche weitere Arbeiten. Mit wacher, kritischer Beobachtungsgabe thematisiert sie beispielsweise Feminismus („Frauen auf der Straße“, Panda, 1974) und aktuelle politische Ereignisse („Jugoslawisches Paar“, 1992, Beginn des Bosnienkriegs).
In einer Serie von Bleistiftzeichnungen setzt sie sich mit der Dominanz des Automobils auseinander. Sie zeigt Autounfälle, Autos, die an Menschen vorbeirasen, Autos auf Parkplätzen, die spielende Kinder auf winzige Restflächen verdrängen. Es liegt nahe, daß Loviscach in diesen Arbeiten den tödlichen Unfall ihres ersten Mannes Max Loviscach verarbeitet.
Andere Arbeiten wiederum zeigen eine für die Zeit provokante Seite. Dazu gehören figurative Arbeiten, die Penisse abbilden und undatierte, abstrakte Farbexperimente auf Leinwand und Holzwerkstoff, die vermutlich durch die Zusammenarbeit mit Horst Rave inspiriert sind. Während Künstler wie Gustave Courbet und Egon Schiele den Intimbereich bei weiblichen Akten zeigen, wirkt dies bei Künstlerinnen in Bezug auf männliche Geschlechtsteile befremdlich. Bis heute.
Das Werk „Normandie“ zeugt von der tiefen Verbindung zwischen Margarete Loviscach und ihrem Lebensgefährten. Es ist Horst Raves ausdrücklicher Wunsch, daß das Bild in seinem Hospizzimmer aufgehängt wird. So bezeugt das Bild des gemeinsamen Sehnsuchtsorts ihre Liebe – zueinander und zur Kunst.
Quellenverzeichnis
Interviews durch die Autorin
- Heusinger von Waldegg, Ulrike: Schriftliche Auskunft (per E-Mail), 1. Juli 2025
- Pitzen, Marianne und Horst, Frauenmuseum Bonn, 28. Mai 2025
- Wagner, Jan, Bonn, 30. Juli 2025
- Wambach, Dr. Dr. Lovis, online, 16. Juli 2025
- Wirth, Heidrun, Bonn-Holzlar, 21. Januar 2025
Archivalien und Dokumente
- BHW-Bausparkasse (Hg.): Sieben aus Bonn, Ausstellungsfaltblatt, 1988
- Bonner Kunstverein: Einladungskarte zur Ausstellung Margarete Loviscach – Neue Bilder und Zeichnungen, 1987 (Bestand: The Getty Research Institute, Los Angeles, Harald Szeemann papers)
- Frauenmuseum Bonn (Hg.): Passanten. Bleistiftzeichnungen von Margarete Loviscach, Ausstellungsfaltblatt, Bonn 1983
- Loviscach, Margarete: Briefe an ihren Enkel Dr. Dr. Lovis Wambach, u.a. vom 6. Juni 1986
- Loviscach, Margarete/Rave, Horst: Brief an das Schulamt Bonn, Betrifft: Projekt Musisch-kulturelle Bildung in der GGS Om Berg, 15. Mai 1984
- Rave, Horst: Nähe, die Schwierigkeit sich nahe zu kommen. Versuch über die Malerin Margarete Loviscach, in: General-Anzeiger Bonn, 23./24. Juli 1983
Literatur
- Bonner Kunstverein (Hg.): Margarete Loviscach, Bonn 1987
- Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011
- Wagner, Jan (Hg.): Horst Rave. Zur Gründung der Horst-Rave-Stiftung, Bonn 2010
- Zimmermann, Rainer: Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation, München 1994, 2. Auflage
Unselbständige Schriften
- Götzinger, Werner: Bilder des Alltags. Nachruf zum Tode der Bonner Künstlerin Margarete Loviscach, in: General-Anzeiger Bonn, 30. Juni 1999
- Götzinger, Werner: Erinnern an Margarete Loviscach, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011, S. 10f
- Heusinger von Waldegg, Joachim: Für Margarete Loviscach, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011, S. 8f
- Loviscach, Margarete: Beobachtungen beim Malen, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Horst Rave, Bonn 2010, S. 42f
- Pitzen, Marianne: Weltsicht und Engagement einer Bonner Malerin, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011, S. 3f
- Pohlen, Annelie: Von der Gewalt der Menschen zur Gewalt der Kunst, in: Bonner Kunstverein (Hg.): Margarete Loviscach, Ausstellungskatalog, Bonn 1987
- Rapp-Neumann, Petra: Menschliche Fremdheit und Einsamkeit. Ein Portrait der Malerin Margarete Loviscach, in: Generalanzeiger Bonn, 25. August 1987
- Trutwin, Werner: Erinnerungen an eine wunderbare Frau, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011, S. 12f
- Wirth, Heidrun: Eindrücke „bleierner“ Traurigkeit. Ausstellung realistischer Zeichnungen in Holzlar, in: Kirchenkreis an Sieg und Rhein, Nr. 14, 1984
- Wirth, Heidrun: Radierungen zum Thema „Passanten“ ausgestellt, in: Bonner Rundschau, 26. Oktober 1989
- Wirth, Heidrun: Leben für die Kunst. Margarete Loviscach, in: Bonner Rundschau, 25. Juni 1999
- Wirth, Heidrun: Horst Rave und die Gruppe Panda – Ausstellung der „Passantenbilder“ in Holzlar, in: Wagner, Jan (Hg.): Horst Rave. Zur Gründung der Horst Rave Stiftung, Bonn 2010, S. 44f
- Wirth, Heidrun: Der Schrecken in der Sanftmut, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011, S. 5–7
Fußnoten
1 Rapp-Neumann, Petra: Menschliche Fremdheit und Einsamkeit. Ein Portrait der Malerin Margarete Loviscach, in: Generalanzeiger Bonn, 25. August 1987. ↩
2 Trutwin, Werner: Erinnerungen an eine wunderbare Frau, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011, S. 13. ↩
3 Rave, Horst: Nähe, die Schwierigkeit sich nahe zu kommen. Versuch über die Malerin Margarete Loviscach, in: General-Anzeiger Bonn, 23./24. Juli 1983. ↩
4 Rave, Horst: Nähe, die Schwierigkeit sich nahe zu kommen. Versuch über die Malerin Margarete Loviscach, in: General-Anzeiger Bonn, 23./24. Juli 1983. ↩
5 Rapp-Neumann, Petra: Menschliche Fremdheit und Einsamkeit. Ein Portrait der Malerin Margarete Loviscach, in: Generalanzeiger Bonn, 25. August 1987. ↩
6 Zimmermann, Rainer: Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation, München 1994, 2. Auflage. ↩
7 Zimmermann, Rainer: Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation, München 1994, 2. Auflage, S. 198ff. ↩
8 Zimmermann, Rainer: Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation, München 1994, 2. Auflage, S. 201. ↩
9 Rapp-Neumann, Petra: Menschliche Fremdheit und Einsamkeit. Ein Portrait der Malerin Margarete Loviscach, in: Generalanzeiger Bonn, 25. August 1987. ↩
10 Zimmermann, Rainer: Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation, München 1994, 2. Auflage, S. 155. ↩
11 Pitzen, Marianne: Weltsicht und Engagement einer Bonner Malerin, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011, S. 4. ↩
12 Vgl. Wirth, Heidrun: Radierungen zum Thema „Passanten“ ausgestellt, in: Bonner Rundschau, 26. Oktober 1989. ↩
13 Rave, Horst: Nähe, die Schwierigkeit sich nahe zu kommen. Versuch über die Malerin Margarete Loviscach, in: General-Anzeiger Bonn, 23./24. Juli 1983. ↩
14 Zitiert nach: Rave, Horst: Nähe, die Schwierigkeit sich nahe zu kommen. Versuch über die Malerin Margarete Loviscach, in: General-Anzeiger Bonn, 23./24. Juli 1983. ↩
15 Rave, Horst: Nähe, die Schwierigkeit sich nahe zu kommen. Versuch über die Malerin Margarete Loviscach, in: General-Anzeiger Bonn, 23./24. Juli 1983. ↩
16 Wirth, Heidrun: Horst Rave und die Gruppe Panda – Ausstellung der „Passantenbilder“ in Holzlar, in: Wagner, Jan (Hg.): Horst Rave. Zur Gründung der Horst Rave Stiftung, Bonn 2010, S. 44. ↩
17 Rave, Horst: Nähe, die Schwierigkeit sich nahe zu kommen. Versuch über die Malerin Margarete Loviscach, in: General-Anzeiger Bonn, 23./24. Juli 1983. ↩
18 Pitzen, Marianne: Weltsicht und Engagement einer Bonner Malerin, in: Horst Rave Stiftung (Hg.): Margarete Loviscach. 1913–1999, Bonn 2011, S. 4. ↩
19 Zimmermann, Rainer: Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation, München 1994, 2. Auflage, S. 157. ↩
20 Pohlen, Annelie: Von der Gewalt der Menschen zur Gewalt der Kunst, in: Bonner Kunstverein (Hg.): Margarete Loviscach, Ausstellungskatalog, Bonn 1987. ↩
21 Pohlen, Annelie: Von der Gewalt der Menschen zur Gewalt der Kunst, in: Bonner Kunstverein (Hg.): Margarete Loviscach, Ausstellungskatalog, Bonn 1987. ↩
